20. Februar 2013

Amazon, GLS und Co.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalt von 12 Monaten zwei multinationale Unternehmen in einem Landkreis einen medialen Shitstorm erleben? Hoch, wenn man wie hier im Kreis Hersfeld-Rotenburg lebt und dieser durch die Lage in der Mitte Deutschlands ein attraktiver Firmensitz für Logistiker wie Amazon, GLS und Co. ist.

Im Winter 2011 heuerte Günther Wallraff, freier Journalist und bekannt durch investigative Reportagen über Großunternehmen und die BILD-Zeitung,  für eine Zeit bei dem Paketdienst GLS in Neuenstein  als Paketzusteller an, um zu recherchieren, unter welchen Arbeitsbedingungen dort gearbeitet wird.

GLS engagiert für die Paketauslieferung viele kleine Subunternehmen, wodurch Risiken ausgelagert werden und die Konkurrenz niedrige Entlohnung pro Paket möglich macht.

Wallraff berichtet von Schikanen gegen die Paketzusteller, die zwar einen Mindestlohn von rund 1200 Euro erhalten, dafür aber 12- bis 15 Stunden-Schichten arbeiten müssen, bis alle Pakete ausgeliefert sind. Fahrern wird von GLS nahegelegt das Fahrtenbuch zu schönen, durch den Druck können Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht eingehalten, keine Pausen gemacht werden und die Sprinter der Zusteller sind oftmals in desolatem Zustand, da Geld fehlt, um sie zu reparieren. Durch den ständigen Stress und Druck leiden viele Fahrer an chronischen Schmerzen oder schlechter Konzentrationsfähigkeit, die schon mehrmals zu Unfällen geführt haben. Verstöße gegen den Vertrag mit GLS werden mit Geldstrafen belegt: Pakete werfen statt legen, Paketzustellung ohne Unterschrift, Verstöße gegen die „Bekleidungsordnung“, verspätete Paketauslieferung etc. Ein kompletter Bußgeldkatalog existiert bei GLS, den der Fahrer durch Vertragsannahme ebenfalls anerkennt. Die Strafen reichen von 20 Euro bis 250 Euro, beispielsweise für das Fälschen einer Empfängerunterschrift.

Durch das System der Subunternehmer verursacht GLS Arbeitsbedingungen, die menschenverachtend und schikanös sind und moderner Sklavenhaltung gleichen. Die Risiken, wenn ein Paket verloren geht oder nicht zugestellt wird, kann GLS an die Subunternehmer weitergeben.

Die komplette Reportage von Wallraff wurde im ZEIT-Magazin veröffentlicht und es lohnt sich, sie nachzulesen.

Was bei GLS die Subunternehmer, sind bei Amazon die Leiharbeiter. Ein Bericht letzte Woche zeigte den Umgang von Amazon mit spanischen LeiharbeiterInnen, die unter fragwürdigen Umständen beschäftigt werden, um zum Weihnachtsgeschäft möglichst flexibel zu sein.

Das Erschütternde daran war meiner Meinung nach nicht die Unterbringung – dazu gibt es mittlerweile auch Gegendarstellungen der begleiteten Leiharbeiterin Silvana aus Spanien.  Erschreckend waren vielmehr die Überwachung und das Schikanieren durch Sicherheitskräfte der Firma Hess, denen außerdem Verbindungen zur rechtsextremen Szene nachgesagt werden. Auch dass Amazon die LeiharbeiterInnen unter falschen Versprechen nach Deutschland gelockt und damit auch die Agentur für Arbeit getäuscht hat, kann nicht hingenommen werden: Den Arbeitern wurde ursprünglich ein Vertrag mit Amazon angeboten, zwei Tage vor Abreise in Spanien aber mitgeteilt, dass sie über eine Zeitarbeitsfirma mit erheblich weniger Gehalt beschäftigt werden würden.

Diese beiden Beispiele von Logistikdienstleistern zeigen vor allem eins: Soziale und menschenrechtliche Standards müssen stärker im Gesetz verankert werden. Multinationalen Unternehmen darf durch ihre Macht nicht ermöglicht werden, dass Gewinne einbehalten aber Risiken und Druck auf Leiharbeiter und Subunternehmer umgelagert werden.

Die Macht der Verbraucher ist zwar nicht zu unterschätzen, setzt aber eine völlige Transparenz der Geschäftspraktiken und eine vollständige Information von Seiten der Verbraucher voraus. Bei dem Beispiel von GLS wirkt Verbrauchermacht womöglich gar nicht, da Kunden wenig Einfluss darauf haben, wer die Pakete liefert. Immerhin: Bei Amazon kommen sie mit der Deutschen Post.

Die Diskussion ist durch den hr-Bericht in Gang gekommen und wird hoffentlich nicht nur ein Strohfeuer sein, das sich auf ein Unternehmen beschränkt. Wir brauchen endlich einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro – ohne Hintertüren! –  und neben den umfassenden umweltrechtlich festgelegten Standards auch höhere Sozialstandards. Zeitarbeit muss begrenzt werden: Höhere Flexibilität wird in jedem anderen Kontext mit höheren Kosten gezahlt, bei der Prepaid-Handykarte kostet die Einheit auch mehr als im festen Vertrag. Leiharbeit über Zeitarbeitsfirmen ist sinnvoll, um Spitzen auszugleichen. Aber sie darf nicht zu Lasten der Angestellten gehen.

Übrigens: Ein dritter Logistikdienstleister hat einen Sitz in Hersfeld-Rotenburg: Hermes Logistics soll ebenfalls einer der schlimmsten sein, was Arbeitsbedingungen für die Fahrer angeht.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld