9. Dezember 2012

Kleine Alltagsgeschichten aus Südafrika

Football World Cup 2010

Wie sicherlich überall bekannt ist fand die Fußball-WM 2010 in Südafrika statt. Mir sind vor allem noch die lärmenden Vuvuzelas aus den Stadien im Gedächtnis geblieben. Die FIFA, schon immer bekannt für ihren sicheren und vertrauensvollen Umgang mit Finanzen, hat allerdings große Ansprüche an die Austragungsorte der WM in Südafrika gestellt: IN PE beispielsweise wurden, wie in allen anderen Austragungsorten (unter anderem Durban, Kapstadt, Johannesburg, Port Elizabeth, Bloemfontein, Pretoria?) (westliche) hohe Anforderungen an Infrastruktur, Stadiengröße, öffentliche Transportmittel und Hotelgröße- und -qualität gestellt: PE musste eine bestimmte Anzahl an Hotelunterkünften bereitstellen, davon musste ein vorgegebener Teil Vier-Sterne-Qualität oder mehr haben. Die Hotels wurden gebaut, zur  WM waren diese zwar zumindest teilweise belegt und in der Hauptsaison sind auch einige Touristen in PE, so dass die Hotels weiterhin genutzt werden. Der erhoffte Erfolg und die Touristenströme sind aber auch durch die WM nicht gekommen. Leider ist die Beachfront von PE jetzt zugebaut mit Casino und Hotelkomplexen. Die bevorzugte Bed&Breakfast und Guesthouse-Kultur konnte damit aber glücklicherweise nicht zerstört werden.

Das Stadion von PE ist eine weitere Kuriosität: Eastern Cape ist die ärmste der neun Provinzen in Südafrika, wurde aber trotzdem als WM-Austragungsort ausgewählt und die Provinzregierung musste unter anderem mehrere Millionen Rand in das Stadion investieren.

Ein weiterer Anspruch der FIFA war ein öffentliches Transportsystem, wie wir es auch in Europa haben.  Die Stadtverwaltung beschloss deshalb die Einführung von großen Gelenkbussen, welche die bisherigen Minibusse, private Taxiunternehmen und Sammeltaxen ersetzen sollten. Natürlich ist der Sicherheitsaspekt beim Transport ein begründeter und die Sammeltaxen, die durch Hupen und Aus-dem-Bus-Schreien auf sich aufmerksam machen und die Route bekannt geben, sind zwar extrem günstig, würden in Deutschland aber kaum durch den TÜV kommen. Geschweige denn, dass einer der Fahrer einen Personenbeförderungsschein besitzt.

Stadion Durban

Stadion Durban

Wie gesagt, die großen Gelenkbusse wurden angeschafft, da aber die Streiks der Minibusbesitzer (hauptsächlich Schwarze aus den Townships – hier wollte man kein Risiko eingehen, in den Townships können Streiks leicht zu Aufständen mit weitreichenden Folgen umkippen) zu heftig waren, entschied man sich die Einführung des öffentlichen Busliniennetzes zu verschieben. Die bereits gekauften Gelenkbusse stehen deshalb seit der WM auf einem umzäunten und bewachten Gelände.

Stadion Port Elizabeth

Stadion Port Elizabeth

Letztens konnte ich aber in der Zeitung lesen, dass die Busse jetzt endgültig eingeführt werden und viele große Bushaltestellen sind im letzten Monat entstanden. Ich bin gespannt, welche Folgen das hat und ob ein Bussystem, welches mehr oder weniger auf Pünktlichkeit angewiesen ist, in Südafrika überhaupt umsetzbar ist.

Außerdem stand in der Zeitung, dass die Stromkosten in Zukunft weiter steigen werden.  Dies liegt nach Angaben des Zeitungsberichtes daran, dass die WM so ein großes Loch in den Haushalt gerissen hat, das bis heute nicht wieder geschlossen werden konnte.

Soziale Ungleichheiten in Port Elizabeth

Dass Südafrika, und besonders die großen Städte, geprägt sind von sozialer Ungleichheit und einer großen Schere zwischen Arm und Reich ist keine Überraschung. Ich habe ja schon einiges über unseren Besuch im Township und die Lebensweise hier geschrieben. Armut und Reichtum liegen so nah beieinander, doch diese Situation wird von den Südafrikanern als normal akzeptiert.  Wir haben im Rahmen unseres Projekts sehr viele Initiativen, Gruppen und engagierte Menschen kennengelernt, die an der derzeitigen Situation etwas ändern möchten. Bemerkenswert ist, dass viele Initiativen in oder für Townships von Menschen geleitet werden, die selbst nicht viel Geld haben.

Ein Besuch in einer Schule mit Kinderbetreuung für Kinder aus dem Informal Township letzte Woche hat uns das wieder klar gemacht. Danielle, eine Frau in den 50ern, kümmert sich einerseits um Obdachlose, Kranke und Drogenabhängige und führt auf der anderen Seite in der Nähe des Townships eine Schule, die wirklich eine tolles Best-Practice-Beispiel ist.

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Der Spielplatz der Schule

Die Kinder von 3 bis 9 Jahren sind auf einem großen Gelände in einer Art Naturschutzgebiet untergebracht mit Sportplatz, eigenem Gemüseanbau, Werkstatt, großem Spielplatz und gut ausgestatteten Klassenräumen.K800_IMG_1792Die Umgebung ist grün und sauber, an den Wänden hängen viele bunte Malereien. Der Manager, der uns das Gelände zeigte, war früher Biologielehrer an einer Schule in Johannesburg und kümmert sich jetzt mit weiteren Lehrerinnen und einigen Volunteers rührend um die rund 90 Schülerinnen und Schüler, deren Eltern den Tag auf der Mülldeponie verbringen um etwas Brauchbares (auch Essbares!) zu finden. Sie bekommen dort sehr vitamin- und proteinhaltige Nahrung, da sie sich im Township oft nur von Abfällen ernähren. Drei Mahlzeiten am Tag stellt die Schule zur Verfügung und  verlangt dafür eine Schulgebühr von 100 Rand pro Monat, was etwa 10 Euro entspricht. Wenn aber eine Familie, deren Tageseinkommen bei rund 200 Rand pro Tag liegt (bedenkt, dass Nahrungsmittel hier fast genauso teuer sind wie in Europa!), nicht in der Lage ist die Schulgebühren für ihr Kind zu übernehmen, besteht die Möglichkeit auf dem Gelände der Schule mitzuhelfen und die Schulgebühren in Form von einigen Arbeitsstunden abzuleisten. Für die Mütter wird ebenfalls etwas angeboten: Sie bekommen in der Werkstatt Materialien wie gebrauchte Stifte, Perlen, alte PET-Flaschen oder sonstiges Material gestellt, aus dem sie Souvenirs oder kleine Handwerksstücke herstellen. Diese können sie dann wiederum in dem schuleigenen Museum über die Xhosa-Kultur und das Leben im Township verkaufen. Ich habe beispielsweise eine kleine Schmuckdose für ungefähr 2 Euro gekauft die aus dem unteren Stück einer Colaflasche gefertigt und mit Servietten beklebt wurde. Die Frauen erhalten von dem Gewinn 60%, die restlichen 40% gehen an die Schule.

Frauen in der Werkstatt

Frauen in der Werkstatt

So kommt es nicht selten vor, dass das Kind im Klassenraum sitzt und Englisch lernt, der Vater den Rasen mäht oder den Spielplatz repariert und die Mutter im Werkstattraum handwerklich tätig ist. Somit ist durch den Anspruch, dem Kind zu helfen und ein sicheres, geborgenes Umfeld zu geben, gleichzeitig einer ganzen Familie geholfen.

Am gleichen Tag habe ich aber auch noch Kinder gesehen, die nicht ein solches Glück haben: Wir fuhren mit dem Mitarbeiter eines Unternehmens  zur Mülldeponie, wo gefühlt der komplette Müll vom Eastern Cape hingebracht wird. Da zu 99% NICHT recycelt wird, ist die Deponie entsprechend groß, obwohl sie erst vor einigen Jahren in Betrieb genommen wurde – offiziell.

Krasserweise hatte man von der Deponie, die voller Staub, Plastiktüten, Dreck und Abfall lag, einen großartigen Blick auf das Meer. Als wir am höchsten Punkt ankamen, wo der Wind am stärksten und der Gestank am schlimmsten war, sah man etliche Südafrikaner aus den Townships, die in Mülltüten wühlten, die Pick-ups abluden und nach brauchbaren Gegenständen zwischen all dem Abfall, den Hunden, Staub, Gestank und Fäkalien suchten. Sogleich wurde „unser“ Müll in Empfang genommen und fünf Jungs im Alter von 10 bis 12 Jahren halfen mit, die Mülltüten vom Pick-up zu werfen. Wir verließen das Auto nicht, es war die erste Situation, in der ich lieber im Auto geblieben bin und die Türen verschlossen habe. Aber auch aus dem Auto heraus war der Eindruck krass genug: Alle Menschen trugen zerschlissene Klamotten, waren komplett verdreckt und wühlten zwischen gefühlt 100 Hunden im Müll. Ich konnte beobachten wie ein Junge aus einem Müllsack einen halb abgebissenen Apfel zog, an der einen Seite verschimmelt. Er freute sich über das Essen, vermutlich seine erste Nahrung an diesem Tag und aß den Apfel komplett auf.

Menschen auf der Mülldeponie die nach etwas Essbarem suchen

Menschen auf der Mülldeponie die nach etwas Essbarem suchen

Eine andere Frau fand eine Getränkedose, in der noch ein Restschluck drin war, und trank sie leer. Ein anderer zog aus einem Müllberg ein kleines Stück Brot heraus, was sein Mittagessen war. Es war das blanke Grauen, Menschen und vor allem Kinder, die in einer solchen Umgebung, voller Dreck, Abfall, Fäkalien und Tieren nach Essen suchen. Im Kopf werden mir auch die Millionen Plastiktüten bleiben, die überall herumflogen. In jedem Supermarkt bekommt man eine Plastiktüte angeboten und obwohl sie einige Cents (nicht genug!) kostet, nimmt fast jeder eine mit. Dieses Plastik ist nicht recyclebar und wird noch in tausenden von Jahren auf der Mülldeponie und den umgebenen Naturschutzgebieten herumfliegen. „African Flowers“ nennen die Südafrikaner dies, wenn sie in den Bäumen hängen.

Danielle, die Leiterin der Schule, erzählte uns später noch mehr Geschichten über die Deponie: Eine Frau, mit der sie gesprochen hat, sammelt aus dem Abfall die Zahnbürsten und Zahnpastatuben, in denen wohl immer noch ein Rest drin ist, heraus. Die Zahnbürsten reinigt sie in Bleiche und verkauft dann beides als Set weiter. Oftmals bekommen Kinder tage- oder wochenlang nur Essen von der Mülldeponie. Eltern probieren dann die meist angeschimmelten und dreckigen Nahrungsmittel und wenn sie sich nach einer Stunde nicht „funny“ fühlen, geben sie es ihren Kindern.

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