14. Juni 2012

Die Transparenz-Falle

Dirk Niebel hat sie erwischt. KTG aka zu Guttenberg hat sie auch erwischt, was allerdings schon so lange her ist, dass die meisten es in dieser schnelllebigen Zeit schon vergessen haben dürften. Dazwischen hat Wulff lange in der Falle gezappelt, bis er sich schlussendlich doch ergeben hat. Bei Gauck ist noch nicht so ganz sicher, wie es ausgehen wird.

Die Transparenz-Falle durchleuchtet in Form einer medialen Öffentlichkeit, gepaart mit digitaler Intelligenz alles und jeden. Einmal hineingetappt, kommt man nicht mehr heraus, immer häufiger kommt es in letzter Zeit zu medialen Hetzkampagnen. Diese verstummen nicht eher, bis der oder die Betroffene „Konsequenzen aus seinem Handeln zieht“.

Das Handeln, für welches die Akteure der Öffentlichkeit zu Fall gebracht werden, ist keine Lappalie. Zollhinterziehung, Abschreiben bei der Doktorarbeit oder undurchsichtige Geschäftsbeziehungen sind alles Taten, die auch in die Öffentlichkeit gehören. Was stört ist nur die sich daraus entwickelnde Treibjagt, die in letzter Zeit immer öfter entsteht. Im Netz, in Zeitungen, in Polit-Talkshows und im Radio wird darüber diskutiert. Jedes Medium versucht für sich noch weitere schmutzige Details herauszufinden, die Situation noch dramatischer darzustellen oder zu diskutieren. Und wir Medienkonsumenten finden das natürlich geil, das Stillen von Neugier und Sensationslust verkauft sich am besten, siehe BILD-Zeitung.

Meine Interessensvertreter müssen nicht hochkorrekte, tugendvoll, Superspießer sein. Sie dürfen sich wie jeder normale Mensch verhalten der nicht jede seiner Taten abwägen muss. Ich persönlich erwarte, dass sie gute Politik machen. Selbst diese Minimalanforderung wird kaum erfüllt. Setzen wir die Messlatte im Privatleben der Politiker so hoch, weil wir von ihren beruflichen Taten so enttäuscht sind? Oder ist es einfach die doppelte Moral die mitschwingt, wenn ein Mitglied der Christdemokraten sich plötzlich so unehrlich verhält?

Jede Äußerung, jeder Auftritt und jedes noch so kleine Geheimnis will die Öffentlichkeit Erfahren. BILD-Reporter sind die neuen Promi-Paparazzi, sie sorgen nicht nur dafür, dass wir sehen wann und wo welcher Promi volltrunken aus der Diskothek wankt, sondern auch was Angela Merkel in ihrem Einkaufswagen hat, wer Röttgens Kindermädchen ist und welcher Politiker heimlich Gras anbaut. Und das auch noch für Geld! 20 Euro bekommt ein Leser-Reporter für eine veröffentlichte Geschichte. So sieht meiner Meinung nach der moderne Überwachungsstaat aus.

Und was machen die Überwachten? Penibel darauf achten, dass bloß keine privaten Fehltritte in die Öffentlichkeit gelangen. Du hast mal gekifft? Womöglich bei deiner Abschlussarbeit oder im Abitur abgeschrieben? Du hattest eine Affäre? Alles Gründe, dich an den öffentlichen Pranger zu stellen und dich so lange dort zu lassen, bis dich jemand anderes ablöst.

Nur zur Klarstellung: Ich will die Verwerflichkeit der Gründe von Wulff, Guttenberg und Co. nicht in Frage stellen. Nur darauf hinweisen, dass wir vielleicht alle ein bisschen weniger hämisch, spöttisch und – bei anderen – so besessen auf Tugenden sind. Menschen machen Fehler, mal große, mal kleine und es gibt auch einige unverzeihliche. Das ist aber kein Grund, die Personen öffentlich bloßzustellen und zu diffamieren. Bei angestrengtem Suchen kann bei jedem von uns so etwas gefunden werden, da bin ich mir sicher.

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1 Kommentar

  1. SelG

    Im Prinzip ja – aber es gilt zu differenzieren. Wenn eine CSU-Mensch in der bayrischen Provinz einen nebenehelichen Stammhalter produziert, dann kann man darüber mal grinsen – Schadenfreude steckt in uns allen. Doch dann gehe man zur Tagesordnung über. Meines Wissens wurde eines solchen Fehltritts zu unseren Zeiten und hierzulande keiner aus dem Amt gedrängt. Noch nicht mal in Bayern.
    Denn das Thema ist kein Politikum.
    Wulff und Guttenberg sind ganz andere Kaliber.
    Und vielleicht wären ja die Reaktionen der Öffentlichkeit nicht ganz so hämisch, spöttisch und rechthaberisch ausgfallen, wenn die Beschuldigten nicht vorher arrogant und selbstherrlich alles abgestritten, gelogen und geleugnet hätten, und das in einer Art und Weise (siehe Guttenberg), dass einem die Galle hochkommt.
    Wenn einer wie dieser Herr Baron so von sich eingenommen ist, dass er frech in die Kameras lügt und glaubt, er kommt damit durch – schamlos seinen Beliebtheitsbonus ausnutzend (und überschätzend!) – tja, dann gehört es ihm nicht anders. Und man kann froh sein, dass seine Kritiker am Ball geblieben sind.
    Ein derart dreister Betrug bei der Promotion ist KEIN Kavaliersdelikt. Und wer in solchen Dingen betrügt, dem ist auch in anderen nicht zu trauen.

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