10. Mai 2012

Eine mutige Gesellschaft

Der Artikel erschien im Herbst 2010 im Schampus (Titel: „Vision Angst –  über eine mutlose Gesellschaft“), deshalb sind vielleicht die Bezüge nicht mehr ganz aktuell, das Thema aber schon!

Kehrt nach Jahren der Mutlosigkeit die Courage in unsere Gesellschaft zurück? Politikverdrossenheit, Wut und aufgestaute Resignation scheinen sich so weit zugespitzt zu haben, dass die Menschen ihren Unmut wieder auf die Straße tragen. Die Bevölkerung wehrt sich – ein positiver Effekt der Ereignisse, die seit einiger Zeit in unserer Gesellschaft schief laufen. Stuttgart 21, die Atomdebatte und nicht zuletzt die Entrüstung gegen Thilo Sarrazins Thesen zeigen, dass die Menschen genug haben und ihrer Wut Luft machen.

Seit Wochen finden tägliche Demonstrationen gegen den Abriss des alten, denkmalgeschützten Bahnhofs in Stuttgart statt, der durch einen modernen, unterirdischen Durchgangsbahnhof ersetzt werden soll. Jeder Vorstoß der Bagger wird durch wütende Pfiffe und Buh-Rufe begleitet. Stundenlang stehen Menschen aus ganz Deutschland  bei jedem Wetter vor dem Bahnhofsgebäude, wo die Abrissarbeiten, geschützt durch Bauzaunabsperrungen und Polizisten, nicht unterbrochen werden. Die Demonstranten lassen sich dadurch weder beeindrucken noch entmutigen.

Die Anti-Atom Demo, die im April 2010 an verschiedenen Orten in Deutschland stattfand, brachte mehr als 120.000 Menschen auf die Straße. Zur nächsten Demonstration im September in Berlin anlässlich des umstrittenen Vertrages zwischen des Bundesregierung und der Atomindustrie werden mehr als 200.000 Menschen erwartet: Menschen äußern  lautstark ihre Meinung, wenn es um Themen geht, die vehement in ihr Leben und ihre Zukunft eingreifen.

Auch die Kritik an den Thesen von Thilo Sarrazin wird nicht nur in den Medien laut, sondern findet ihre Entsprechung in den Protestaktionen auf der Straße. Jeder Auftritt Sarrazins ist begleitet von Gegendemonstrationen. Die vielen Befürworter sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Bürger mit Wut auf das Buch reagieren und das auch zeigen. Sie lassen sich nicht entmutigen durch Kampagnen wie „Das-darf-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“ der Bildzeitung.

Es scheint, dass die Menschen in Deutschland über einen kritischen Punkt der Verdrossenheit und Resignation hinaus kommen und wahrnehmen, dass die eigene Handlung eben doch zählt, dass Resignation die schlechteste aller Lösungen ist. Eine Bewegung, auf die die Beschreibung „mutlos“ nicht passt, ist dabei sich zu formieren und ihre Meinung öffentlich zu tun.  Selbst wenn die Anlässe, die Menschen auf die Straße treibt, eher negativ sind: Unsere Gesellschaft scheint mutiger zu sein, als manche denken.

Die Straße als Forum des Bürgers, als letztes Mittel, seine Meinung in die Öffentlichkeit zu tragen: Diese Form des Protests war in den späten Sechzigern wilden „Spinnern“ und „Chaoten“ vorbehalten. Inzwischen ist diese Art des Protests ganz selbstverständlich im Bewusstsein des Bürgers angekommen. Er will nicht länger zuschauen, wenn es um seine Belange geht, wehrt sich gegen die Entmündigung durch die Politiker und macht Gebrauch von seinem Recht auf öffentlich Meinung im wahrsten Sinne des Wortes.

Das macht Mut.

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