25. April 2012

Stadt, Land… Off?

Ich wohne gerne auf dem Land!

In einem Dorf und in einer ländlichen Gegend zu wohnen ist für die meisten ziemlich uncool. Man kommt abends nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause, muss immer wegfahren um einzukaufen, hat kaum Kulturangebote in nächster Nähe und überhaupt ist auf dem Dorf leben so ziemlich 1.0

Trotzdem mag ich es: Man kennt alle und wird von allen gekannt, grüßt jeden auf der Straße und hat es meistens nur ein paar Schritte bis man im Grünen ist. Es ist erholsam, nicht zu laut und vor allem ist die Hektik, die man in einer Stadt spürt weit, weit weg. Wenn ich mehrere Tage in Frankfurt bin genieße ich es in dieser Zeit alles um die Ecke zu haben, bin aber auch froh, dann wieder zu Hause zu sein.

Die unterschätzte Bedeutung der ländlichen Regionen

Das Leben spielt sich in der Stadt ab – oder? Dort wird die meiste Wertschöpfung erzielt, alle relevanten Firmen haben einen Sitz in der Stadt und agieren aus Frankfurt oder Eschborn, dem „Dorf mit der Skyline“,. Nordhessen wird meistens auf Kassel reduziert, oder schlimmer, fängt schon in Fulda an, was dazwischen liegt ist vielen nicht bewusst. Es ist Fakt, dass sich die Städte in den nächsten Jahren vergrößern werden und die ländliche Region durch den demographischen Wandel sehr stark betroffen sein wird. Schon heute gibt es einige Dörfer, in denen die regionale Daseinsvorsorge, also Wasseranschluss, Strom, Post und alles was ein Mensch so zum Leben braucht, einen riesigen Aufwand bedeutet im Vergleich zu der Anzahl der Menschen, die noch in dem Ort leben.

Sinkende Arbeitslosenzahlen

Die Arbeitslosenzahlen in Kreisen wie Hersfeld-Rotenburg, aus dem ich komme, sinken in den letzten Jahren immer tiefer, was natürlich Grund zur Freude ist. Grund dafür ist die Ansiedlung oder Vergrößerung  von Gewerbe, hauptsächlich Logistikern bei uns an der Autobahn. (Wer einmal auf der A4 Richtung Thüringen fährt wird das riesige Amazon-Gebäude bei Bad Hersfeld kaum übersehen). Schon jetzt haben wir mehr Ein- als Auspendler, das heißt mehr Menschen kommen zu uns zum Arbeiten, als dass Menschen von hier in anderen Kreisen arbeiten. Die sinkenden Arbeitslosenzahlen haben aber noch einen anderen Grund: wo immer weniger Menschen leben, können auch immer weniger Stellen mit den passend qualifizierten Bewerbern besetzt werden. . Bis 2025 werden 25% weniger Menschen in unserem Kreis leben als 2006. Was passiert dann mit der Arbeitslosenzahl? Die Logistiker werden händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften suchen! Deshalb muss durch Kooperationen mit Universitäten oder Fachhochschulen diesem Trend entgegen gewirkt und die Fachkräfte auch hier vor Ort ausgebildet werden.

Dienstleistungsberufe

Menschen die in den neuen Dienstleistungsberufen, beispielsweise Grafik- oder Webdesigner,  Kommunikationsdienstleister oder Unternehmensberatungen gibt es in Städten massenweise. Berlin ist eine Hochburg für kreative Berufe und entsprechend viele finden dort in dieser Branche keinen Job. Auch in Frankfurt gibt es (viel zu) viele Presse- und Kommunikationsagenturen, die die Außendarstellung für Firmen übernehmen. Firmen in ländlichen Gegenden beauftragen dann Agenturen und Dienstleister die 300 km weiter weg sind, obwohl diese die Gegebenheiten der Region nicht kennen und zusätzlich teilweise hohe Fahrtkosten anfallen.

Dabei braucht man für die meisten Dienstleistungsberufe heutzutage nicht viel außer einem schnellen Internetanschluss und einem Platz zum Arbeiten. Beides gibt es in ländlichen Gegenden, das Büro sogar meistens günstiger als in der Stadt. Auch potenzielle Auftraggeber gibt es in ländlichen Regionen genug. Landkommunen mit schnellem Internetzugang können qualifizierten Dienstleistern einen attraktiven Arbeitshintergrund bieten.

Bedeutung für die Städte

Ebenso wie die Chancen wird auch die Bedeutung der ländlichen Gegenden oft unterschätzt. Schon seit Jahrhunderten ist eine der Hauptaufgaben der ländlichen Gegend, Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu produzieren. Durch Industrialisierung der Landwirtschaft wird diese Aufgabe auf immer geringerem Raum erledigt (obwohl ja bekanntlich keine Sau Megaställe will) und weniger Menschen werden zur Erledigung der Aufgabe benötigt. Landwirte und die ländliche Region schauen sich nach alternativen Aufgaben um und finden: Die Energieproduktion.

Schon längst wird nicht mehr nur über „100%-Erneuerbare-Energie-Region“ gesprochen. Biogasanlagen, Windkraftanlagen und auch Photovoltaik sind die Möglichkeiten eines Landwirts von heute, Geld zu verdienen. Damit Deutschland aber in Zukunft wirklich 100% durch Erneuerbare Energien versorgt werden kann, müssen die ländlichen Gegenden nicht nur ihren eigenen Bedarf decken, sondern so viel Energie produzieren, dass die Städte dadurch mitversorgt werden können. Bei dieser Aufgabe keine Maismonokultur oder „Verspargelung der Landschaft“ als Ergebnis zu haben, ist nur eine weitere Herausforderung. Die ländliche Gegend wird also nicht überflüssig, ihr Aufgabenbereich verändert sich nur. Dafür werden junge Menschen gebraucht, die ihre Zukunft nicht nur in der Stadt sehen, sondern sich auch abseits des Getümmels verwirklichen wollen.

(Veröffentlicht im Schampus No. 73)

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