Effizienz, Konsistenz, Suffizienz – Immer weiter, immer mehr?!

Es gibt drei Säulen, die für die Zukunftsfähigkeit der Menschen eine maßgebliche Rolle spielen: Effizienz, Suffizienz und Konsistenz. Die Reihenfolge variiert von Zeit zu Zeit, fest steht jedoch, dass unter Nichtbeachtung von nur einer Säule die zwei größten Herausforderungen unserer Zeit (das 2-Grad Ziel bei der Klimaerwärmung, die Überwindung des weltweiten Hungerproblems) nicht bewältigt werden können.

Ökonomische Effizienz vs. Ökologische Effizienz

In einer Industriegesellschaft herrscht über ökonomische Effizienz Konsens, jeder BWL-Student bekommt das Prinzip eingetrichtert: Das bestmögliche Verhältnis zwischen Input und Output erreichen. Dies spart nicht nur Materialkosten sondern in vielen Fällen auch Arbeitskräfte und gleichzeitig können die Mengen gesteigert werden. Der Anreiz ist also klar, eine Kostensenkung und Mengensteigerung führt zu einem höheren Ertrag.

Im Gegensatz zur ökonomischen Effizienz, die nur monetär begründet ist, steht die ökologische Effizienz, auch Öko-Effizienz genannt. Sie dient vorrangig dem Erhalt von Naturkapital durch eine effizientere Nutzung von Ressourcen, hat also eine materielle Zielsetzung, keine monetäre. Dies kann geschehen durch Energieeinsparung, Wiederverwendung, Abfallvermeidung oder verbesserte Technik und verbesserter Organisation. Ein „Mehr aus weniger“ wird angestrebt, um naturverträglicher zu wirtschaften.

Ein tolles Beispiel für Öko-Effizienz ist z.B. die Tröpfchenbewässerung. Anstatt wie bisher die Tomaten durch Überflutung oder offene Gräben zu bewässern, wird ein Schlauch entlang einer Seite aller Tomatenpflanzen gelegt. Dadurch kann kontinuierlich ein kleiner Tropfen Wasser direkt an eine Seite der Pflanzenwurzel gegeben werden. Dies spart Wasser und hat nebenbei den positiven Effekt, dass die Seite, die gerade nicht bewässert wird, ihre Fähigkeit zur Wasserspeicherung erweitert und somit den Verdunstungsgrad vermindert. Der Ernteertrag wird dadurch nicht beeinflusst. Durch die abwechselnde Tröpfchenbewässerung beider Seiten kann über 80% des Wassers eingespart werden.

So schön und praktikabel sich das anhört, umso enttäuschender sind die Zahlen aus der Realität: Die Energieeffizienz von Haushaltsgeräten nahm zwischen 1990 und 2005 ca. 15% zu, der Gesamtstromverbrauch von Kühlschränken stieg in diesen Jahren aber um 22%, der von Klimaanlagen sogar um 35%!

Durch eine Verringerung des Verbrauchs verleitet die Effizienz leider auch zu einem Mehrverbrauch. Teilweise aus ökonomischen, teilweise aus psychologischen Gründen. In einer Industriegesellschaft, in der der ökonomische Traum in Kostenverringerung und Absatzsteigerung besteht, wird zwar der Ressourcenverbrauch pro Stück geringer, die Ersparnis die dort entsteht aber durch eine höhere Produktionsmenge aufgebraucht.

Neben der ertragsorientierten Motivation steht der psychologische Effekt von Effizienzeinsparungen: Wechsle ich von einem großen Auto, welches viel Sprit verbraucht, aber mit dem ich wenig gefahren bin,  auf ein Auto welches nur 4 Liter verbraucht und ich aber jede kurze Strecke mit dem Auto zurücklege, verbrauche trotz kleinerem Auto nicht weniger Energie.

Diesen Effekt nennt man Rebound Effekt oder Bumerang-Effekt, ein Rückprall der die eingesparten Mengen durch einen Mehrverbrauch kompensiert. Um diesen zu vermeiden, werden die beiden weiteren Säulen Konsistenz und Suffizienz benötigt.

Konsistenz

Unsere Weltbevölkerung wird vermutlich von 6,9 Milliarden (2010) bis 2050 auf 9,2 Milliarden Menschen ansteigen. Um die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten müssen nicht nur effizientere Technologien gefördert werden, sondern es muss auch ein Wandel von umweltschädlichen zu naturverträglichen Technologien vonstattengehen. Die Produktion und der zugehörige Konsum in unserer Gesellschaft müssen einhergehen mit der natürlichen Entwicklung.

Nicht konsistent ist zum Beispiel die Sojaproduktion in Brasilien, für die die Menschheit alle acht Sekunden  – allein am Amazonas – Urwald in der Größe eines Fußballfeldes verliert. obwohl der Boden in Brasilien noch nicht einmal für Sojaanbau geeignet ist.

Konsistent dagegen ist z. B

–          ein Gebäude, welches mehr Energie herstellt als es verbraucht

–          eine Fabrik, die ihre Abwässer in Trinkwasserqualität freisetzt, so dass das Ökosystem ggf. sogar positiven Nutzen aus der Fabrik zieht

–          Konsumartikel oder Produkte, deren Abfallprodukte nicht schädlich sind sondern der Natur Nährstoffe zuführen

–          Gebrauchsgüter, die komplett wiederverwertet werden können, die in einem geschlossenen System („closed loops“) als verbrauchte Materialien wieder als hochwertige Rohstoffe in dem Produktionszyklus verwendet werden

Teilweise richtige Ansätze schon verwirklicht, ein Großteil der Möglichkeiten ist allerdings noch in Planung. Dennoch kann man sicher sein, dass hinter Konsistenz sowie Effizienz auch ökonomische Motivation steht, weshalb diese in den nächsten Jahren vermutlich ohnehin angestrebt werden.

Suffizienz

Im Gegensatz dazu gibt es gegen Suffizienz jede Menge Vorbehalte. Die Forderung nach „dem richtigen Maß“, also das Nachdenken über die Bedürfnisse und ggf. das Anpassen des Verhaltens an die Bedürfnisbefriedigung hat zur Folge, dass die Nachfrage insgesamt nicht zu steigern ist,  sondern – oh Schreck – vermindert werden muss! Besonders nach Gütern und Dienstleistungen mit hohem Ressourcenverbrauch soll eine geringere Nachfrage zur Umweltverträglichkeit beitragen. Dies fordert vor allem ein Umdenken im Verhalten. Bei Suffizienz verändern Menschen ihr Verhalten mit der Absicht, weniger Energie und Rohstoffe zu verbrauchen. Aber wer möchte nicht gerne den neusten iPod, das BlackBerry und dazu noch einen PC besitzen? Neue Möbel wären auch nicht schlecht und unbedingt notwendig ist wieder ein neuer Rucksack.

Suffizienz steht im Konflikt mit dem Geschrei nach Wachstum, das ja in unserem wirtschaftlichen Verständnis ziemlich laut ist. Wachstum wird als Allheilmittel für alles genommen, das Totschlagargument ist oft „Wo mehr ist, lässt sich auch besser verteilen“. Somit gehört ein hoher Konsum, um das Wirtschaftswachstum zu unterstützen, in den industrialisierten Ländern fast schon zur Pflicht eines jeden Bürgers (der es sich leisten kann). Ist es vor diesem Hintergrund überhaupt zeitgemäß, wenn wir neben dem Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen nicht nur durch Effizienz und Konsistenz, sondern auch durch Suffizienz fordern?

Genügsamkeit oder „Maedèn ágan“, also „Von nichts zu viel“ ist in unserer Gesellschaft um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern ebenso wichtig wie die vorher genannten Säulen. Zunächst wirkt Genügsamkeit gegen den Rebound-Effekt. Würden wir n weniger Tomaten oder weniger Fleisch essen und somit die Nachfrage verringern, so könnte man dem Rebound-Effekt entgegenwirken. Dies klingt für manche vermutlich sehr nach Öko-Diktatur, ist aber tatsächlich eine große Freiheit für jeden. Unter Suffizienz wird nicht gefordert, komplett auf Fleischverzehr zu verzichten oder nur sein eigenes Gemüse im Garten verzehren zu dürfen. Jeder hat die Freiheit, darüber nachzudenken, was er für ein glückliches leben braucht – und Suffizienz meint damit durchaus die Frage nach einem guten Leben!

(Veröffentlicht im Schampus, Frühling 2010)

2 Antworten auf Effizienz, Konsistenz, Suffizienz – Immer weiter, immer mehr?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archive